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Dienstag, 8. September 2009

Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei...

Dieser weise Satz stimmt natürlich auch hier in Nicaragua - niemand zweifelt morgens auch nur eine meiner Aussagen an und ab 13 Uhr mach ich - wie auch schon im Referendariat - gar nix mehr. Schönen Gruß an Gerd & Co.

Wie versprochen werde ich euch heute also mit Informationen zu meiner neuen Schule versorgen. Wem das nicht reicht, auch dazu gibt es wieder eine eigene Internetseite:

Wie so manches andere Gebäude in der Stadt sind auch alle Schulgebäude (bis auf eines) aufgrund der ständig präsenten Erdbebengefahr nur eingeschossig gebaut. Das letzte größere Erdbeben war hier übrigens letzte Woche. 5,2 auf der Richterskala, aber ich hab's verpennt!

Das heißt, ich wachte plötzlich mitten aus einer Tiefschlafphase auf, wusste aber nicht, was mich geweckt hatte...bis es mir die Schüler am nächsten Morgen erzählten. Tja, allzulange werd ich wohl nicht warten müssen, bis ich das nächste erlebe, schließlich liegt Nicaragua und selbst Managua mitten auf einer Plattengrenze. Eigentliche sind hier regelmäßig stärkere Beben, in letzter Zeit gab es aber kein größeres mehr, weshalb eigentlich alle hier auf ein richtig schlimmes Beben warten, wie es z.B. 1972 und 1931 jeweils geschah. Bei diesen beiden Beben wurde fast die gesamte Stadt zerstört und anschließend nicht mehr richtig aufgebaut, weshalb Managua heute den Ruf hat, keine richtige Stadt zu sein. Überschlagt ruhig mal, für wann man das nächste Großbeben erwarten könnte...aber zurück zur Schule.
Das schöne ist, dass sie sehr weitläufig ist, was den Vorteil hat, dass die Geräuschkulisse deutlich erträglicher ist, wenn man in den Pausen die Räume wechselt. Und das muss ich leider oft, denn ich habe fast nur Einzelstunden. Recht gut ins Bild passt auch unser Pool, oder was meint ihr?
Meine Schüler sind alle recht pflegeleicht, keine Besonderheiten dabei, außer dass sie natürlich mit der Sprache zu kämpfen haben, denn ich unterrichte Biologie nur auf deutsch. Mehr erspar ich euch, wer Lehrer ist, kann sich ja mal genauere Infos bei mir einholen. Was ich hier auf jeden Fall verbessern kann ist meine Stimme, denn die Räume haben eine ganz lausige Akkustik, so dass man trotz kleiner Schülergruppen doch enorm laut reden muss.
Ein Service der Schule ist der privat organisierte Busverkehr. Für ein monatliches Entgeld holt der Schulbus die Schüler direkt an der Haustür ab und bringt sie nach Schulschluss auch sicher wieder zurück. Kurioserweise geht das soweit, dass der Bus nach einem Stop gelegentlich nur ca. 15m fährt, bevor der nächste Schüler aussteigt. Viele werden aber auch von ihren Eltern abgeholt. Da stehen dann mittags Unmengen von Geländewagen und hupen wie verrückt vor sich hin, dazwischen ein paar Männer mit Trillerpfeifen, deren Aufgabe es ist, Ordnung in das Chaos zu bringen. Schon um das zu sehen, solltet ihr mich besuchen kommen!

Wie schon gesagt, komme ich mit meinen Schülern ganz gut zurecht, aber es gibt ja auch noch die Schüler, die ich nicht im Unterricht habe. Und da fällt es mir mit meinen immer noch bescheidenen Spanischkenntnissen doch leider bei der Pausenaufsicht recht schwer, den ganz kleinen zu erklärn, was sie alles bitte nicht anstellen sollen.
Und dann gibt es da noch "die Brieftäubchen", wie meine schadenfrohen Kolleginnen sie nennen. Eine Gruppe pubertierender, aber scheinbar ziemlich selbstbewusster Mädchen, die immer am Lehrerzimmer rumlungern und dann ab und zu mal wieder ein Briefchen abgeben. Kaum peinlich!Allgemein kann ich zur Schule noch sagen, dass es sehr angenehm ist, dass sie sehr klein ist, um die 560 Schüler, alle Jahrgänge zweizügig, Klassen zwischen 19 und 24 Schülern, in der IB-Klasse - die machen nach ihrem nationalen Abschluss noch den internationalen, damit sie in den USA oder Deutschland studieren dürfen - sogar nur acht!!!

Freut euch auf's nächste Mal, wenn ich u.a. meinen ersten Vulkan entdecke und von meiner Begegnung mit einem Schwarm Fledermäusen berichte!
PS: Diesmal kein Schmunzler, sondern etwas herrlich kurioses:
Wie klein die Welt doch ist! Der Mann einer Kollegin ist doch tatsächlich der Neffe der mitlerweile verstorbenen Haushälterin unseres Dorfpastors und hat daher viele Ferienwochen seiner Jugend im beschaulichen Milte verbracht. Und so sitzen zwei Deutsche plötzlich mitten in Nicaragua zusammen und reden über ein so winziges Dörflein wie Milte - herrlich!

Mittwoch, 26. August 2009

So lebt's sich in der dritten Welt

Willkommen in der Regenzeit - nun scheint sie wirklich da zu sein. Warum? Gestern hat es fast durchgeregnet, die Luftfeuchtigkeit liegt endlich über 90% und heute morgen - man glaubt es kaum, da ich ohne Leinentuchdecke geschlafen hatte, weil nach dem Waschen nicht trocken geworden, fühlte sich mein Ellenbogen kalt an. Ich will nicht sagen, ich fror, aber immerhin verspürte ich einen Hauch von Kühle.

Wie ihr seht nehmen die Abständer der Berichte aufgrund von Zeitmangel jetzt schon zu, komisch - obwohl ich doch als Lehrer vormittags Recht und nachmittags frei habe. Aber zum Schulalltag später mal mehr. Heute möchte ich euch das "Leben" hier schildern.
Ich selber war mit einigen Vorurteilen hergekommen: Ich dachte, alles sei billig, ich werde nur von Mücken gestochen, es ist ekelig heiß oder regnet den ganzen Tag, überall lauern Spinnen und Schlangen, alle mittelamerikanische Frauen sehen toll aus und und und...

Denkste! Eigentlich stimmt nichts davon, außer vielleicht das mit den Schlangen und Spinnen, nur dass die zum Glück nicht bewusst menschliche Nähe suchen. Und da ich keinen eigenen Garten suche, bin ich bisher fast verschont geblieben. Eine erschlagene Schlange sollte ich in Alkohol einlegen, um sie zu konservieren, eine pubertierende Vogelspinne kam kurz aus der Decke des Klassenraumes. Ansonsten - toi, toi, toi - hab ich es hier echt gut. Ich wohne in einem Condomino, was weder etwas mit Kondomen noch mit Dominospielen zu tun hat, sondern nichts anderes als eine im anglizistischen Sprachraum als "gated comunity" bezeichnete bewachte und von Mauern und Stacheldraht umgebene Wohnsiedlung ist.


Momentan zahle ich für ein Appartment mit Wohn-Ess-Bereich, 2 Zimmern und Bad 500US$, was deutlich zu viel ist. Begründung: möbliert, nur 6-Monatsvertrag.

Das ganze könnt ihr euch genauer anschauen:
http://www.freewebs.com/condominioallyson/


Wie ihr seht ist es nett gestaltet, mit Pool, Tennisplatz, Racketcourt (naja) und Basketballkörben. Außerdem hab ich hier die Möglichkeit, die 400m lange Auffahrt hoch und runter zu joggen oder zu flanieren. Das ist schon mal ein Stück Freiheit, was ich nicht überall hätte. Und nach der Schule eine halbe Stunde in den Pool gehen zu können, um den Körper vor einer hitzebedingten irreversiblen Denaturierung zu bewahren ist auch Luxus.
Weitere Vorteile sehe ich darin, dass...
...ich auch mal länger wegfahren kann, ohne mich um jemanden zu kümmern, der mal nach dem Rechten schaut.
...kein Garten bis an die Tür = weniger Tiere vor und im Haus (bisher eine Cucaracha)
...kein eigener Garten = kein Gärtner
...hier seltener der Strom ausfällt (ca. 1mal pro Woche)
...hier Wassertanks stehen, so dass wir bisher immer Wasser hatten (es gibt Kollegen, die hatten drei Tage keins)
...das Internet hier einigermaßen zuverlässig ist (oft an Strom gekoppelt)
...kein eigenes Haus = keine Hauszugehörige Empleada, die mit mir wohnt und meine Sachen aus dem Kühlschrank ist.
...kein Wachmann, der meist besoffen ist und schläft, oder gar nicht kommt und im worst case vielleicht auch noch einen unschuldigen Passanten erschießt.


Folgende Nachteile habe ich:
- kein eigenes Obst aus dem Garten
- keine Grillparties mit Freunden


Nun könnte sich letzteres Problem bald lösen, da ich überlege, vom Appartment in ein Townhouse zu ziehen. Im Moment git es ein special offer - 600US$ möbliert bei 12 Monaten Laufzeit - also nur 100US$ mehr. Da ich mit Merle ohnehin etwas größeres brauch, könnte ich jetzt schon zuschlagen, auch wenn das etwas übertrieben viel für mich ist. Aber eben draußen sitzen, wenn auch nur auf 4x5m Betoninnenhof.

Jetzt wisst ihr also, was ich nach der Schule mache - Pool und dann wenn es geht, auch am Pool korrigieren, ab 18Uhr setzt die Dunkelheit ein - das ganze Jahr lang - und ich verschiebe die Arbeit nach drinnen. Um 22Uhr liege ich in der Regel im Bett, schlafe bis 5:30 und der nächste Tag geht los.
Freizeit bisher: besagter Strandurlaub, 3 mal Einkaufszentrum, 1 Stück Käsekuchen mit Karamellsauce, 1mal McDonalds (halber Preis), 1mal Pizza, 1mal Restaurant (mittags), ein Pokerabend (+100Cordobas =3 Euro), 5 mal großer Supermarkt, 2 mal kleiner Supermarkt (wenn man nicht fliegenübersäte Lebensmittel auf der Straße kauft, sondern im Supermarkt, sind sie übrigens teurer als in Deutschland!);

Mehr war noch nicht, aber die meisten machen hier auch nix, auch Schüler und Eltern nicht. Man ist eben einfach wohlhabend und genießt seinen Wohlstand indem man sich hinter Mauern versteckt und ein isoliertes Leben lebt. Wichtig: möglichst viele Angestellte, die einem die einfachsten Dinge abnehmen, ein möglichst hoher Zaun, tausende technischer Kleinstgeräte zur Unterhaltung, dickes Auto, Labtops, riesengroßer Flachbildschirm, neustes Handy, dickster Ipod der Welt. Herrlich - genau mein Ding! Ein wunderbares Leben in dem ich all meine Bedürfnisse befriedigen kann.

Und wenn ihr mir noch so oft schreibt, dass alle zu Hause mich bewundern und neidisch sind, dass ich mich das getraut hab und dass ich mich sicher bald eingelebt habe - diese Dinge werde ich trotzdem weiter kacke finden! Ich werde mich sicher nicht daran gewöhnen, ich hoffe es sogar, dass ich mich nicht dran gewöhne! Und ich sitz hier nun auch nicht und freu mich, dass mich jemand bewundert. Wer mich kennt weiß, dass mir das immer sehr egal war, was andere dachten (so lange es nicht unberechtigt etwas schlechtes über mich war) - so lange ich mich so entfalten konnte, wie ich wollte. Und das geht hier definitiv nicht. Im Moment bin ich daher ganz froh, dass ich sehr viel zu tun habe. Die Wochen verfligen nur so, wenn da nicht die Merlelose Zeit wäre, die macht die Tage schon lang. Nächste Mal stell ich euch dann die Schule vor - und ich versuch mal Fotos zu machen, versprochen.

Ich hoffe, ihr schreibt mir nun trotzdem weiterhin nette mails ;-)

Zum Schluss noch ein paar Bonbons der Lebensweise hier:
x morgens werden die meisten Kinder mit Geländewagen gebracht, d.h. großes Verkehrsaufkommen vor der Schule, das zum Glück von ca. 12 Menschen in gelben Warnwesten und mit Trillerpfeifen "geregelt" wird
x ausparken für Gehirnamputierte: auch an jedem Supermarkt stehen diese Pfeifenmänner und winken wie bekloppt, auch wenn man im Umreis von 15m das einzige Auto ist
x wir haben kein Müllproblem, wir verbrennen doch alles (auf der Straße, im Wald, ...)
x Schulbus hält, Kind steigt aus, Schulbus fährt an, Schulbus bremst, Kind steigt aus; gefahrene Strecke: 6,5-8m herrlich!!!